Sonntag, 24. Januar 2016

Kleines pädagogisches Wörterbuch II

Diesen Post schrieb ich im Juni des vergangenen Jahres und war irgendwie unzufrieden mit dem Geschriebenen. Heute las ich den Text noch einmal durch und fand ihn doch interessant und möchte ihn euch nicht vorenthalten. 
Beim Lesen dachte ich "Ach, das passt eigentlich sehr gut in meine Gedanken, die ich in den letzten Wochen immer wieder mitteilte." Insofern war die Wartezeit vielleicht eine Reifezeit. 
Also dann: 




Heute gibt es ein weiteres Kapitel im pädagogischen Wörterbuch.
Auf die Idee, dieses Thema  zu wählen brachte mich zum einen ein Gespräch mit Dodo und Nastjusha (im April 2015!) und danach fand ich bei Meike auch wieder einiges, das dazu passt. Witzigerweise waren die konkreten Inhalte gleich: es ging ums Sticken.

Prozess- und Ergebnisorientierung

Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe kann im pädagogischen Alltag einen großen Unterschied bewirken. Komme ich in Kitas, in denen reihenweise gebastelte Werke der Kinder hängen, die sich vielleicht in ihrer Farbgebung unterscheiden, sonst aber relativ gleich aussehen, dann ist es meistens ein Bastelangebot, bei dem es auf ein bestimmtes Ergebnis ankommt. Alle Kinder basteln in dieser Woche einen Schneemann/Osterhasen/Frühlingsblümchen/Kürbis... Manche finden das hübsch, aber ehrlich: mit Kreativität hat das meistens nichts zu tun. Die Kinder lernen natürlich auch etwas dabei, wie Reihenfolgen zu beachten und auf der Linie zu schneiden.

Allerdings beobachtet man im Atelier, im Werkraum oder am Maltisch auch dieses: ein Kind zerschneidet mit der Schere Blatt um Blatt, es entstehen viele Schnipsel. Es schneidet und schneidet. Dann steht es auf und lässt die Schnipsel einfach liegen.
Was hat dieses Kind verfolgt? Es war am Prozess interessiert, eindeutig nicht am Ergebnis! Es war ins Schneiden vertieft, hat ausprobiert in welchem Winkel die Schere wie ausschneidet, hat vielleicht gemerkt, dass sich verschieden dicke Papiere auch unterschiedlich schneiden lassen. Nun liegt kein sichtbares Ergebnis vor, das man aufhängen und herzeigen kann, aber gelernt hat das Kind trotzdem eine Menge. Es kann danach das Material besser einschätzen, es hat seine  Handmotorik weiter verfeinert und vor allem: es konnte sich in sein Tun sinken lassen, arbeitete konzentriert und  blendete alles aus, was drum herum stattfand. Wahrscheinlich hat es sich zufrieden und glücklich gefühlt.

Beim Nachdenken über diese Unterscheidung habe ich auch immer wieder an das Nähen und Stricken gedacht.
Natürlich kann man das Arbeiten von Menschen nicht glasklar in Prozess- und Ergebnisorientierung zerteilen. Sehr oft, und das stellt vielleicht am meisten zufrieden, verbindet sich beides miteinander: Ich habe ein Ziel und arbeite Schritt für Schritt darauf zu. Wenn es mir gelingt, mich diesem Prozess auch hinzugeben, dann passieren Situationen, wo ich noch einen Schlenker mache: statt schnell den Saum fertig zu machen, nähe ich ein Schrägband an, verbessere noch einmal den Sitz des Oberteils usw. Oder sticke eine Taube an mein Kleid oder eine Borte an die Bluse.
Das kostet Zeit und ich muss dranbleiben können. Ich muss es vielleicht aushalten, das Kleid, den Rock oder sonst etwas doch nicht zum geplanten Zeitpunkt fertig zu haben.
In dem Gespräch mit Dodo und Nastjusha ging es um so kleine Details, welche ein Kleidungsstück noch einmal aufwerten und ich glaube an dieser Stelle kommt es darauf an, dass ich nicht nur ein bestimmtes Ergebnis im Kopf habe, sondern auch noch die Ruhe und Muse, mich damit länger zu beschäftigen. Wir waren uns einig, dass uns oft einfach die Zeit fehlt. Hat die Liebe zum Detail mehr mit dem Prozess, anstatt mit dem Ergebnis zu tun?

Ich merke nun bei mir selber, dass ich in den letzten drei Jahren sehr ergebnisorientiert gehandarbeitet habe. Deswegen hat es mir trotzdem Spaß gemacht, aber mir kam es schon darauf an, dass ich genügend Röcke und Strickjacken im Schrank habe, um auswählen zu können. Manchmal fehlte mir aber das Vor-mich-hin-Probieren, das Versinken in eine Technik, in eine Idee, in ein bestimmtes Tun.
Ich bin daher ein ziemlicher Fan der Stoffspielerei geworden, auch wenn ich erst zweimal mitgemacht habe (hier und hier). Aber diese Aktion hat für mich ganz viel mit dem Prozess zu tun. Daher ist der Name auch passend: Stoff-SPIEL-erei.




Wie ist das nun mit dem Glück, das man beim Tun empfindet? Wann stellt es sich ein, was begünstigt es? Ich glaube, es hat ganz viel damit zu tun, wie stark (oder verbissen) ich welchem Ziel folge. Ich kenne Situationen, da arbeite ich sehr strikt und sehr ergebnisorientiert. Das ist manchmal ganz okay, denn beim Hausputz will ich einfach irgendwann fertig sein. Beim Nähen kann das eher Fehler und Ungenauigkeiten erzeugen und vor allem genieße ich es nicht so sehr.
Hat Prozessorientierung also mehr mit Genuss zu tun?

Ich merke, dass ich eher Fragen aufgeworfen habe, anstatt erklärt und gedeutet zu haben. Aber richtige Fragen zu stellen, das ist eigentlich auch sehr pädagogisch!

Ich wünsche euch eine schöne (Arbeits-)Woche, genussvolle Prozesse und gute Ergebnisse!



Kommentare:

  1. Aah, meine liebe Luise, ich möchte laut klatschen!! Danke für diesen schönen und anregenden Post! Ich glaube, das Glück beim Tun hängt erstmal stark damit zusammen, ob man etwas freiwillig tut oder in irgendeiner Form dazu gezwungen wird. Die Anregung zum Spiel bei Kindern ist für mich jetzt kein Zwang, eine total chaotische Wohnung, deren Säuberung mich davon abhält mich (für mich) schöneren Dingen zu widmen, schon, würde ich sagen. Wobei ich nicht ausschließe, dass es viele Frauen gibt, die die Tätigkeit des Aufräumens und Putzens nicht so ablehnen wie ich und daher dem ganzen Akt viel mehr abgewinnen können. Beim Hobby sollte man davon ausgehen, dass das grundsätzlich freiwillig geschieht, dann kann aber der eigene Ehrgeiz einen dazu bringen, rein ergebnisorientiert zu arbeiten. So wie ich heute: ich hatte endlich mal wieder ein wenig Zeit zum Nähen und nahm mir vor eine Longjacke aus Wollwalk zu nähen für mein neues aber arschkaltes Büro (zumindest ist es solange kalt, bis der Holzofen den Raum einigermassen aufgewärmt hat, aber ich will mich gar nicht beschweren!). Und war dann gleich mal genervt vom Abpausen. Das Nähen selbst ist mir viel lieber, und wenn ich nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung habe, möchte ich so schnell wie möglich Ergebnisse sehen. Nix mit Muse am Tun, denn ich BRAUCHE diese Longjacke so schnell wie möglich (ich habe nämlich sonst rein gar nichts zum Anziehen, kannste dir ja vorstellen.)
    Ich denke, der Zeitfaktor spielt eine große Rolle und der Fakt, ob man etwas dringend fertig haben muss. Dann bin jedenfalls ich so konzentriert, dass ich einigermassen unentspannt bin. Dafür bin ich dann aber auch ziemlich schnell! Andererseits habe ich auch zwei/drei Projekte, an denen ich in regelmässigen Abständen herumwerkle, wenn ich Lust und Muse habe und keine Lust auf aufwändiges Arbeiten. Das sind dann vor allem Strick- und Sticksachen, die ich abends gemütlich heraushole. Oder im Zug (hier wiederum eher ergebnisorientiert weil ich die Zugfahrzeit nicht sinnlos verplempern möchte und dann lieber daran arbeite, dem Strickergebnis näher zu kommen).
    Beim Nähen bin ich also allgemein eher ergebnisorientiert, weil ich da nicht tausendmal unterbrechen möchte, was bedeuten würde, dass hier alles hundert Jahre herumfliegt (hm, neige ich zu Übertreibung?), inkl. Stecknadeln, Fusseln etc. Es kam aber schon vor, dass ich mehr Zeit zum NÄhen hatte und dann das Heften per Hand sehr genossen habe! Ist leider eher selten der Fall.
    Aber ach, was fasele ich hier eigentlich.
    EIGENTLICH bin ich eine Getriebene, die versucht, die ihr zur Verfügung stehende Zeit optimalst auszunutzen, ich glaube, damit bin ich GRUNDSÄTZLICH ergebnisorientiert. Zu dem Schluss war ich schon im April gekommen, oder?
    War aber schön, nochmal drüber nachzudenken! :-)
    Alles Liebe!

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    1. Ich wollte kein schwarz-weiß-Denken auslösen. Ergebnisse und Prozesse sind gleichermaßen wichtig. Auf Ausgewogenheit kommt es jedoch an, finde ich.
      Das mit der wärmenden Jacke ist ja völlig klar, da liegt auch eine Dringlichkeit vor. Aber wir sind so fleißige Frauen und da müssen wir eher aufpassen, dass uns das nicht auffrisst.
      Danke für das Faseln (was für ein schönes, textiles Wort, fällt mir grad so auf!) Ich lese es gern.
      Liebe Grüße,
      Luise

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  2. Ach, ein Post ganz nach meinem Geschmack ! Sehr interessant, das alles. Ich bringe meinen Beruf ja sehr wenig als Gedanke ein, aber das ist sehr interessant. Sehr schön wie du die Unterschiede herausarbeitest. Die Prozessorientierung erkenne ich immer wieder in meinen Nähkursen. Und die Freude und das Versinken darin.Das ist sehr schön zu sehen.
    Ergebnisorientiertes Arbeiten in Nähkursen führt dagegen oft zu Druck und Überforderung und ergo Unzufriedenheit.
    Immer wieder muss ich Teilnehmer daran erinnern das jede Näht zum Ziel führt.
    Vielen Dank für diesen Gedankengang!
    Herzliche Grüße
    Stella

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    1. Danke dir für deine Rückmeldung. Wie gut, dass deine Kurs-Teilnehmerinnen eine Leitung haben, die Prozesse unterstützt. Das geht nämlich auch anders! Aber das war für mich auch das anstrengende z. B. am Handarbeitsunterricht in der Schule. Es kam nur auf Ergebnisse an.
      Lieben Gruß!
      Luise

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  3. Sehr spannend, deine Perspektive, so habe ich das noch gar nicht betrachtet! Ich habe nur gemerkt, dass die Stoffspielerei bei mir ganz oft nicht in das übliche Nähblog-Raster hineinpasst, weil ich eben "nur" ausprobiert habe, aber kein Ergebnis zum an-die-Wand-hängen vorweisen kann, und ich habe ein bißchen damit gehadert und mich gefragt, ob das die Leserinnen eigentlich interessiert.
    Aber wenn ich stattdessen frage: was habe ich davon?, dann ist es tatsächlich so, dass ich immer eine Menge gelernt habe. Wenn es z. B. um alte, unbekannte Techniken geht, erfährt man die Schwierigkeiten wirklich nur, wenn man es ganz konkret ausprobiert. Das ist eine ganz andere Ebene des Verständnisses, als wenn man nur darüber liest (deshalb ist es kurzsichtig, dass die praktische Beschäftigung mit Textilien von vielen Textil-Theoretikern im akademischen Bereich eher gering geschätzt wird.) Insofern mache ich mir jetzt einfach keine Gedanken mehr, wenn ich nur "Schnipsel" präsentieren kann.

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  4. Da fällt mir jetzt etwas ganz arg pädagogisches ein: Im Wort Begreifen steckt das der Begriff "Greifen" drin. Und alle Theorie rankt sich ums Verstehen und Begreifen wollen, oder?
    Danke für dein Feedback!
    Liebe Grüße,
    Luise

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  5. Wirklich kluge Worte und Fragen! Schön, dass Du darüber schreibst und jeden, der es liest damit zum Nachdenken über seine eigene Prozesse und Ergebnisse bringen wirst.
    Für mich fasst Du hier einen Aspekt in Worte, der mich schon eine ganze Weile beschäftigt. In beruflichen (auch in privaten) Dingen stehe ich eher auf der kreativen Seite und ich hadere sehr damit, immer Leistungsorientiert und Ergebnisorientiert arbeiten zu müssen. Das ärgert mich und setzt mich zudem unter Druck. Denn meist fällt mir eine wirklich kreative und gute Lösung während der Musse ein! Wenn ich einen Prozess verfolge, etwas (zunächst) sinnloses oder eben nicht Ergebnis orientiertes mache. Wenn meine Gedanken abschweifen und auf Abwege kommen.
    Ich werde weiter nachdenken. Danke dafür.
    Ganz liebe Grüsse!
    Heike

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    1. Ich freue mich sehr, dass du und ihr euch von meinen Gedanken anstoßen lasst. Vielen Dank für die Rückmeldung! So ein kleiner Austausch macht wirklich Spaß.
      Liebe Grüße!
      Luise

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  6. Schöne Reflexionen.
    Ich denke, beides hat seine Berechtigung und steht sich auch nicht immer gegenseitig im Weg. Im Alltag arbeite ich (wie wir vermutlich alle) meist ergebnisorientiert und möglichst zeiteffizient. Ich weiß aber, dass ich den Prozess liebe und liebe die erkämpften Zeitinseln, in denen ich ihn dann exzessiv pflege. Dann kann ich auch sehr gut akzeptieren, dass ein Projekt nicht beendet ist, wenn ich aus meiner Blase wieder auftauchen muss, z.B. bei der diesjährigen Annäherung in Bielefeld, wo ich schlussendlich mit einem halbfertigen Oberteil dastand, während andere mehrere Teile gefertigt hatten.
    Im letzten Jahr habe ich mich viel mit Kreativität beschäftigt. Unter anderem mit den Fragen, wie sie entsteht (auch neuronal), wie man sie bei sich und anderen hätscheln kann. Eines scheint klar: Effizienz und Selbstoptimierung sind nicht ihre Geschwister!

    Liebe Grüße,
    Bele

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    1. Das klingt interessant! Und ja, es ist wichtig, beides nebeneinander stehen zu lassen. Ab und zu müssen wir ans hätscheln denken! Schöner Ausdruck dafür.
      Liebe Grüße,
      Luise

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  7. Ein schöner Text. Nähen und Stricken findet bei mir sehr Ergebnisorientiert statt, ich sehe das immer als Ausgleich zu meiner Arbeit, die ja ein immer währender und stets neu beginnender Prozess ist. Ich beziehe das jetzt mal auf das Lernen und nicht auf eine einzelne Bastelarbeit, im besten Fall dauert der Prozess ja bis zum Ende. Hach, schade zu solchen Themen sind dann die persönlichen Dialoge irgendwie doch besser als das Internet.
    Liebe Grüße
    Sylvia

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    1. Es ergibt sich bestimmt mal eine Gelegenheit, das persönlich noch einmal aufzugreifen... wenn dann die Zeit ist ;-)
      Bei mir ist der Ausgleich zu meiner beruflichen Arbeit eher Gartenarbeit. So ein frisch gejätetes Beet verschafft mir schnell und unkompliziert (so ist es beim Nähen bei mir leider eher nicht) sehr viel Zufriedenheit ob meiner Schaffenskraft.
      Liebe Grüße,
      Luise

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  8. Ich bin ein großer Fan von "Learning by doing". Als ich noch studierte, hat unser Methodenseminar darin bestanden, dass wir Texte z.B. übers Interview-Führen referieren mussten. Als ich dann selbst mal ein qualitatives Methodenseminar geleitet habe, war mir sowas von klar, dass ein Interview führen und die Erfahrung dann reflektieren so viel mehr bringt... Für mich ist die Prozessorientierung eben "Learning by doing". Nur durchs Ausprobieren, und mir Zeit dafür nehmen, kann ich die Sachen lernen. Aus diesem Grund liebe ich die Stoffspielereien so sehr, weil die wirklich den Freiraum lassen, die Prozessorientierung auszuleben, die sonst - auch oder gerade in der Bloggerszene, und im "normalen Leben" sowieso - so häufig zu kurz kommt. (Wobei ich mich gerade am Blog immer bemühe, den Prozess und das, was ich daraus gelernt habe, mit einzubinden. Nur das fertige Ding zu präsentieren wäre mir persönlich zu wenig. Erfahrungen teilen will ich.) Danke für diesen deinen Beitrag, da hab ich noch ein bisschen was nachzudenken. lg, Gabi

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